ACTH-Adenom (Morbus Cushing)
Ein ACTH-produzierender Hypophysentumor regt die Nebennieren zur Überproduktion von Cortisol an und verursacht so den Morbus Cushing. Der Morbus Cushing ist die häufigste Ursache des endogenen Cushing-Syndroms. Obwohl es sich um einen gutartigen neuroendokrinen Hypophysentumor (PitNET) handelt, hat ein unkontrollierter Cortisolüberschuss schwerwiegende systemische Folgen.
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-07
Definition und Terminologie
Das ACTH-Adenom (Kortikotropinom) ist ein gutartiger Tumor, der von den kortikotrophen Zellen des Hypophysenvorderlappens ausgeht und adrenokortikotropes Hormon (ACTH) absondert. In der WHO-Klassifikation von 2022 wird er als neuroendokriner Hypophysentumor (PitNET) der TPIT-Linie definiert. Hier gilt eine wichtige Unterscheidung: 'Morbus Cushing' bezeichnet speziell den Cortisolüberschuss aufgrund eines hypophysären ACTH-Adenoms, während 'Cushing-Syndrom' der Oberbegriff für alle Ursachen eines Cortisolüberschusses ist (hypophysär, adrenal, ektope ACTH-Produktion oder externe Steroideinnahme).
Epidemiologie
Der Morbus Cushing ist die häufigste Ursache des endogenen Cushing-Syndroms (das heißt nicht durch externe Steroideinnahme bedingt). Er ist bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern und tritt am häufigsten bei Frauen im gebärfähigen Alter auf. Die große Mehrheit der Tumoren ist klein (Mikroadenome, unter 10 mm), was ihre bildgebende Darstellung erschweren kann.
Symptome
Die Symptome entstehen durch die Wirkungen des chronischen Cortisolüberschusses auf das Gewebe und entwickeln sich meist über Jahre. Typische Befunde sind eine zentrale (rumpfbetonte) Gewichtszunahme, ein gerundetes Gesicht ('Vollmondgesicht'), Fettansammlung am Nacken und oberen Rücken, leichte Blutergüsse und breite violette Dehnungsstreifen (Striae) sowie eine Verschmächtigung der Arme und Beine mit Muskelschwäche. Häufig assoziierte Zustände sind Bluthochdruck, Diabetes oder eine gestörte Glukosetoleranz, Knochenschwund (Osteoporose) und neuropsychiatrische Symptome wie Depression und Angst. Auch eine Infektionsneigung durch Immunsuppression kann auftreten.
Diagnose
Die Diagnose erfolgt in zwei Schritten. Der erste Schritt bestätigt den Cortisolüberschuss mithilfe von Tests wie dem 24-Stunden-freien Cortisol im Urin, dem nächtlichen Speichelcortisol und dem niedrig dosierten Dexamethason-Hemmtest; in der Regel wird eine übereinstimmende Positivität von mindestens zwei Tests angestrebt. Der zweite Schritt klärt die Quelle des Überschusses: Der ACTH-Spiegel im Plasma hilft, ACTH-abhängige Ursachen (hypophysär oder ektop) von ACTH-unabhängigen Ursachen (adrenal) zu unterscheiden. Das Hypophysen-MRT ist wertvoll, um das Adenom darzustellen, doch ein erheblicher Anteil kleiner Adenome ist möglicherweise nicht sichtbar; in diesem Fall ist der Goldstandard zur Unterscheidung einer hypophysären von einer ektopen Quelle eine invasive Untersuchung, die beidseitige Sinus-petrosus-inferior-Katheterisierung (BIPSS).
Behandlungsoptionen
Die Behandlung der ersten Wahl ist die endoskopische transsphenoidale Operation; in erfahrenen Händen sind die Remissionsraten hoch, insbesondere bei kleinen, im MRT sichtbaren Adenomen. Ein sehr niedriger morgendlicher Cortisolspiegel nach der Operation weist auf eine erfolgreiche Entfernung hin, und wegen einer vorübergehenden Nebenniereninsuffizienz ist für eine gewisse Zeit eine Cortisolersatztherapie nötig. Wenn die Operation versagt, die Erkrankung erneut auftritt oder der Patient kein chirurgischer Kandidat ist, werden Medikamente eingesetzt, die die Cortisolsynthese hemmen (wie Osilodrostat, Metyrapon oder Ketoconazol); diese kontrollieren den Cortisolüberschuss, verkleinern jedoch nicht den Tumor. In ausgewählten Fällen können das auf die Hypophyse wirkende Mittel Pasireotid oder ein Dopaminagonist ergänzend eingesetzt werden. Sind alle Optionen ausgeschöpft, bietet die beidseitige Adrenalektomie eine endgültige Cortisolkontrolle, erfordert jedoch eine lebenslange Hormonersatztherapie und birgt das Risiko eines Nelson-Syndroms; bei fortschreitender Erkrankung kann eine Strahlentherapie angewendet werden.
Prognose
Der Morbus Cushing wird durch einen gutartigen Tumor verursacht, doch ein unbehandelter Cortisolüberschuss erhöht die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen und thromboembolische Ereignisse deutlich. Mit einer wirksamen Kontrolle des Cortisolüberschusses gehen diese Risiken weitgehend zurück. Da nach der Operation ein Rückfall auftreten kann, ist eine lebenslange Nachsorge mit freiem Cortisol im Urin, nächtlichem Speichelcortisol und Hypophysen-MRT erforderlich. Die Versorgung wird von einem multidisziplinären Team geplant; die Ergebnisse variieren von Patient zu Patient, und kein Ergebnis kann garantiert werden.
Quellen
- Greenberg MS. Greenberg's Handbook of Neurosurgery. 10th ed. Thieme; 2023:869.
- Winn HR, ed. Youmans Neurological Surgery. 6th ed. Saunders; 2011:1479.
- Asa SL, et al. Overview of the 2022 WHO Classification of Pituitary Tumors. Endocr Pathol. 2022.
- Fleseriu M, et al. Consensus on diagnosis and management of Cushing's disease: a guideline update. Lancet Diabetes Endocrinol. 2021.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Diagnose und Behandlung sind individuell.