Thorakale und lumbale Frakturen
Thorakale und lumbale Wirbelfrakturen sind traumatische Verletzungen, die den mittleren und unteren Rücken betreffen und einen großen Anteil aller Wirbelsäulenfrakturen ausmachen. Sie entstehen am häufigsten durch Stürze, Verkehrsunfälle und Sportverletzungen. Der thorakolumbale Übergang (T11–L2) ist die häufigste Frakturstelle, da er den Übergang zwischen der starren Brustwirbelsäule und der beweglichen Lendenwirbelsäule darstellt. Die Behandlung kann je nach Grad der Instabilität, neurologischem Status und Schmerzstärke konservativ oder operativ sein.
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-07
Definition und Mechanismen
Die Brustwirbelsäule (T1–T12) ist starrer, da sie durch den Brustkorb gestützt wird, und Kompressionsfrakturen sind häufig, während die beweglichere Lendenwirbelsäule (L1–L5) anfälliger für Berstungsfrakturen und Translationsverletzungen ist. Die maximale Spannungskonzentration tritt am thorakolumbalen Übergang zwischen beiden Regionen auf. Der Verletzungsmechanismus bestimmt den Frakturtyp: axiale Belastung erzeugt Kompressions- oder Berstungsfrakturen; die bei Sicherheitsgurtverletzungen auftretende Flexion-Distraktion erzeugt die Chance-Fraktur; und hochenergetische Translation/Rotation betrifft alle drei Säulen und verursacht eine schwere Instabilität und ein hohes Risiko einer Rückenmarksverletzung.
Denis-Drei-Säulen-Theorie
Die Drei-Säulen-Theorie von Denis wird zur Beurteilung der spinalen Stabilität verwendet: die vordere Säule (vorderes Längsband, vordere Hälfte des Wirbelkörpers), die mittlere Säule (hintere Hälfte des Körpers, hinteres Längsband) und die hintere Säule (Pedikel, Lamina, Facettengelenke, hinterer Bandkomplex). Eine Beteiligung von einer oder zwei Säulen gilt im Allgemeinen als stabile Fraktur, während eine Beteiligung aller drei eine instabile Fraktur anzeigt. In der aktuellen Praxis bieten die Klassifikationen AO Spine und TLICS eine umfassendere Beurteilung.
Symptome
Der wichtigste Befund sind starke, lokalisierte Rückenschmerzen an der Frakturstelle, die sich beim Sitzen, Stehen und Vorwärtsbeugen verschlimmern. Druckschmerz bei Palpation des Dornfortsatzes, Ekchymose und eine kyphotische (Gibbus-)Deformität können auftreten. Bei einer thorakalen Rückenmarksverletzung entwickelt sich eine Schwäche oder vollständige Lähmung der unteren Extremitäten (Paraplegie), während die oberen Extremitäten verschont bleiben. Bei Verletzungen unterhalb der Höhe L2, wo das Rückenmark endet, kann ein Kauda-equina-Syndrom (Reithosenanästhesie, asymmetrischer motorisch-sensibler Verlust, Blasen-Darm-Funktionsstörung) auftreten. Da eine Chance-Fraktur von einer intraabdominellen Organverletzung begleitet sein kann, sind Übelkeit, Erbrechen und Bauchblähung wichtig.
Diagnose
Die Diagnose wird durch eine systematische Beurteilung bei Patienten mit hochenergetischem Trauma in der Vorgeschichte gestellt. Die Computertomographie (CT) ist der Goldstandard und zeigt deutlich Frakturlinien, Fragmentverschiebung, Spinalkanalverengung und Verletzung der hinteren Elemente. Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist unerlässlich zur Beurteilung einer Verletzung des hinteren Bandkomplexes, eines Bandscheibenvorfalls, einer Rückenmarkskontusion und einer Cauda-equina-Kompression; eine Unterbrechung des hinteren Bandkomplexes ist ein Marker für Instabilität. Der neurologische Status wird mit der ASIA-Skala beurteilt.
Behandlungsentscheidung mit dem TLICS
Der TLICS (Thoracolumbar Injury Classification and Severity Score) wird häufig in der Behandlungsentscheidung verwendet. Drei Parameter werden bewertet: Morphologie (Kompression, Berstung, Translation/Rotation, Distraktion), Zustand des hinteren Bandkomplexes (intakt, unbestimmt, unterbrochen) und neurologischer Status. Eine Gesamtpunktzahl von 3 oder weniger spricht im Allgemeinen für eine konservative Behandlung, 4 zeigt Grenzfälle an (Patientenpräferenz und klinischer Zustand sind entscheidend), und 5 oder mehr spricht für eine operative Behandlung.
Behandlung
Bei stabilen Kompressionsfrakturen (intakter PLC, kein neurologisches Defizit) werden eine Immobilisierung mit einer thorakolumbalen Orthese (TLSO) über 8–12 Wochen, kurzzeitige Ruhe und frühe Mobilisierung eingesetzt, mit hoher Erfolgsrate. Eine Operation wird bei instabilen Frakturen, Rückenmarks-/Cauda-equina-Kompression oder fortschreitendem Defizit durchgeführt. Die häufigste Methode ist die hintere Pedikelschrauben-Stab-Fixierung. Bei schwerem vorderem Kollaps mit Kanalbeteiligung kann eine vordere Korpektomie und Fusion erforderlich sein, und bei schwerer Instabilität ein kombiniertes (vorderes-hinteres) Vorgehen. Bei osteoporotischen Kompressionsfrakturen mit therapieresistentem Schmerz kann die Vertebroplastie/Kyphoplastie eine Schmerzpalliation bieten.
Erholung und Prognose
Nach der Operation ist eine frühe Mobilisierung möglich, und da die innere Fixierung in der Regel eine ausreichende Stabilität bietet, ist in den meisten Fällen keine zusätzliche Orthese erforderlich. Die Knochenheilung ist in 3–6 Monaten abgeschlossen. Die Prognose ist bei stabilen Frakturen ohne neurologische Verletzung gut; einige Patienten können leichte chronische Schmerzen oder eine verbleibende Kyphose haben. Bei vorliegender neurologischer Verletzung hängt das Ergebnis von der Verletzungshöhe und davon ab, ob sie vollständig oder unvollständig ist; Cauda-equina-Verletzungen haben tendenziell einen besseren Verlauf als Rückenmarksverletzungen. Alle Ergebnisse sind individuell und kein Ergebnis kann garantiert werden.
Quellen
- Greenberg MS. Greenberg's Handbook of Neurosurgery. 10th ed. Thieme; 2023:1200-1219.
- Vaccaro AR, Oner C, Kepler CK, et al. AOSpine thoracolumbar spine injury classification system. Spine (Phila Pa 1976). 2013;38(23):2028-2037.
- Denis F. The three column spine and its significance in the classification of acute thoracolumbar spinal injuries. Spine (Phila Pa 1976). 1983;8(8):817-831.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Diagnose und Behandlung sind individuell.