Kubitaltunnelsyndrom
Das Kubitaltunnelsyndrom ist nach dem Karpaltunnelsyndrom die zweithäufigste Engpassneuropathie und entsteht durch eine Kompression des Nervus ulnaris am Ellenbogen, die zu Taubheit im Ring- und Kleinfinger, Handschwäche und im fortgeschrittenen Stadium Muskelschwund führt. Die Behandlung erfolgt nach Schweregrad: konservative Maßnahmen zum Schutz des Ellenbogens in leichten Fällen und Dekompressions- oder Nerventranspositionschirurgie in fortgeschrittenen Fällen.
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-07
Definition
Das Kubitaltunnelsyndrom entsteht, wenn der Nervus ulnaris am Ellenbogen komprimiert wird, und ist nach dem Karpaltunnelsyndrom die zweithäufigste Engpassneuropathie. Der Nervus ulnaris zieht an der inneren-hinteren Seite des Oberarms zum Ellenbogen und verläuft hinter dem inneren Knochenvorsprung des Ellenbogens (dem Epicondylus medialis) durch einen engen Durchgang, den Kubitaltunnel, zum Unterarm. Beim Beugen des Ellenbogens wird der Nerv in diesem Bereich gedehnt und der Druck im Tunnel steigt; wiederholter oder anhaltender Druck führt zu einer chronischen Nervenkompression.
Ursachen und Risikofaktoren
Manche Fälle entstehen ohne erkennbare Ursache (idiopathisch). Zu den Hauptursachen zählen das längere oder wiederholte Beugen des Ellenbogens (im Schlaf, beim Telefonieren), das Aufstützen des Ellenbogens auf harte Flächen, ein Ellenbogentrauma (Fraktur des Epicondylus medialis, Luxation), ein abnormer Ellenbogenwinkel (Cubitus valgus), Raumforderungen im Kubitaltunnel (Ganglion, Lipom) und bestimmte anatomische Varianten. Systemische Erkrankungen wie Diabetes, Hypothyreose und rheumatoide Arthritis können die Anfälligkeit des Nervs für eine Kompression erhöhen.
Symptome
Früh bestehen Taubheit und Kribbeln im Ring- (4.) und Kleinfinger (5.) sowie am inneren (ulnaren) Handrand; die Symptome nehmen tendenziell zu, wenn der Ellenbogen gebeugt ist (Schlaf, Telefonieren). Mit Fortschreiten kommt es zu einer Schwäche der kurzen Handmuskeln und einer Beeinträchtigung von Griff und Feinmotorik. Im fortgeschrittenen Stadium können ein Schwund der Muskeln am Handrücken und an der Basis des Kleinfingers (Atrophie der intrinsischen Muskulatur), ein Abweichen des Kleinfingers nach außen (Wartenberg-Zeichen), eine Schwäche beim Festhalten von Papier mit dem Daumen (Froment-Zeichen) und eine Krallenhanddeformität entstehen. Diese fortgeschrittenen Befunde weisen oft auf ein operationsbedürftiges Stadium hin.
Diagnose
Die Diagnose wird aus Anamnese und Untersuchung gestellt. Die Untersuchung beurteilt den Ellenbogenbeugetest (Auslösen der Symptome durch Halten des gebeugten Ellenbogens), das Tinel-Zeichen über dem Epicondylus medialis, die intrinsische Muskelatrophie sowie das Wartenberg- und Froment-Zeichen. Elektromyografie (EMG) und Nervenleitungsstudien zeigen eine Verlangsamung der Ulnarisleitung über den Ellenbogen, graduieren den Schweregrad und helfen, den Kompressionsort zu lokalisieren. Eine Ellenbogenröntgenaufnahme kann Knochensporne oder Traumafolgen zeigen, während der Ultraschall eine Verdickung des Nervs und seine Verlagerung bei Ellenbogenbewegung (Subluxation) darstellen kann. In die Differenzialdiagnose sollten eine zervikale Radikulopathie (C8-T1), das Loge-de-Guyon-Syndrom am Handgelenk und das Thoracic-outlet-Syndrom einbezogen werden.
Medikamentöse (konservative) Behandlung
Die konservative Behandlung ist die erste Wahl in leichten bis mittelschweren Fällen ohne Muskelschwund und mit kurz bestehenden Symptomen. Eine Nachtschiene oder ein Ellenbogenpolster kann eingesetzt werden, um ein übermäßiges Beugen des Ellenbogens zu begrenzen; wichtig ist, das Aufstützen des Ellenbogens auf harte Flächen zu vermeiden und die Ellenbogenstellung im Schlaf und beim Telefonieren zu korrigieren. Nichtsteroidale Antirheumatika und Gleitübungen für den Nervus ulnaris können unterstützend wirken. Anpassungen der Aktivitäten reduzieren wiederholte Beugebewegungen des Ellenbogens. Bleibt innerhalb eines Zeitraums kein Ansprechen auf die konservative Behandlung aus oder ist die Erkrankung fortgeschritten, kommt eine Operation in Betracht.
Chirurgische Behandlung
Eine Operation wird in Fällen durchgeführt, die nicht auf die konservative Behandlung ansprechen oder die einen Muskelschwund oder fortgeschrittene Befunde zeigen. Die Hauptoptionen sind: die einfache Dekompression (In-situ-Release), bei der die den Nerv komprimierenden Strukturen (Osborne-Band u. a.) durchtrennt und der Nerv an Ort und Stelle freigelegt werden; sie ist minimalinvasiv und wird in leichten bis mittelschweren Fällen ohne Subluxation oder Knochensporn bevorzugt. Die anteriore Transposition, bei der der Nervus ulnaris vor den Epicondylus medialis verlagert wird, um seine Dehnung beim Beugen des Ellenbogens zu verhindern; sie hat subkutane, submuskuläre und intramuskuläre Varianten und wird besonders bei Subluxation, Cubitus valgus oder Rezidiv eingesetzt. Die mediale Epikondylektomie, bei der ein Teil des Knochenvorsprungs entfernt wird, um den Nerv zu entlasten. Die Wahl der Methode wird je nach Kompressionsort, Vorliegen einer Subluxation und Zustand des Patienten individualisiert. Mögliche Nebenwirkungen sind Taubheit am inneren Unterarm (Beteiligung des Nervus cutaneus antebrachii medialis), Wundinfektion und Rezidiv.
Prognose und Erholung
Die Erholung nach der Operation hängt vom präoperativen Schweregrad des Patienten und der verwendeten Technik ab. In leichten bis mittelschweren Fällen klingt die Taubheit rasch ab, während die Erholung in fortgeschrittenen Fällen Monate dauern kann, da die Nervenregeneration langsam ist. Hat sich vor der Operation bereits ein Muskelschwund entwickelt, kehrt die Kraft möglicherweise nicht vollständig zurück, sodass eine frühe Diagnose und Behandlung das Ergebnis günstig beeinflussen. Mit Transpositionstechniken ist die Erholung meist länger. Physiotherapie (Nervengleit- und Kräftigungsübungen) kann die Erholung unterstützen. Die Ergebnisse sind von Person zu Person unterschiedlich und können nicht im Voraus garantiert werden. Karpaltunnel- und Kubitaltunnelsyndrom können bei manchen Patienten gemeinsam auftreten.
Quellen
- Greenberg MS. Greenberg's Handbook of Neurosurgery. 10th ed. Thieme; 2023:553-558.
- Winn HR, ed. Youmans Neurological Surgery. 6th ed. Saunders; 2011:2427-2439.
- Staples JR, Calfee R. Cubital Tunnel Syndrome: Current Concepts. J Am Acad Orthop Surg. 2017;25(10):e215-e224.
- Caliandro P, La Torre G, Padua R, Giannini F, Padua L. Treatment for ulnar neuropathy at the elbow. Cochrane Database Syst Rev. 2016;11(11):CD006839.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Diagnose und Behandlung sind individuell.