Ossifikation des hinteren Längsbandes (OPLL)
Die OPLL ist eine Ossifikation (Knochenbildung) des hinteren Längsbandes der Wirbelsäule. Sie betrifft am häufigsten die Halswirbelsäule (zervikal) und kann mit der Zeit den Spinalkanal einengen, was eine Rückenmarkkompression (Myelopathie) verursacht. Sie ist bei Menschen asiatischer Abstammung häufiger und eine langsam fortschreitende Erkrankung, die anfangs oft symptomlos ist.
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-06
Definition
Die OPLL (Ossifikation des hinteren Längsbandes) ist eine fortschreitende Erkrankung, die durch Knochenbildung innerhalb des hinteren Längsbandes gekennzeichnet ist, das entlang der Rückseite der Wirbelkörper innerhalb des Spinalkanals verläuft. Das ossifizierte Band engt den Kanal ein; eine chronische Kompression von Rückenmark und Nervenwurzeln kann eine Myelopathie und Radikulopathie verursachen. Sie ist am häufigsten in der Halswirbelsäule (zervikal), insbesondere bei C3-C6, wobei eine thorakale und lumbale Beteiligung seltener ist.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursache ist multifaktoriell. Es besteht eine starke genetische Veranlagung: Die Erkrankung ist in asiatischen Bevölkerungsgruppen (Japan, Korea, China) deutlich häufiger und zeigt eine familiäre Häufung, wobei Genpolymorphismen im Kollagen- und Knochenstoffwechsel beschrieben wurden. Zu den metabolischen Faktoren gehören Diabetes mellitus, Adipositas und Hyperinsulinämie. Eine diffuse idiopathische Skeletthyperostose (DISH) tritt häufig gleichzeitig auf. Hormonelle Zustände wie Akromegalie, chronischer mechanischer Stress und wiederholte Nackentraumata tragen ebenfalls bei. Sie ist bei Männern häufiger und wird meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr diagnostiziert.
Klassifikation
Auf der CT-basierten Morphologie werden vier Typen definiert: segmental (an jeder Wirbelhöhe isoliert, der häufigste), kontinuierlich (ununterbrochen über mehrere Höhen, mit hohem Risiko einer schweren Kompression), gemischt und lokalisiert/umschrieben (fokal in Höhe einer Bandscheibe, der mildeste). Der Grad der Kompression wird durch das Verhältnis von Ossifikationsdicke zu Kanaldurchmesser (Kanalokkupationsrate) beurteilt. Auf der seitlichen Röntgenaufnahme/MRT leitet die K-Linie, die die hinteren Ecken von C2 und C7 verbindet, die Operationsplanung: Liegt die Masse vor der K-Linie (K-Linie positiv), kann ein hinterer Zugang verwendet werden, während bei Überschreiten der Linie (K-Linie negativ) ein vorderer Zugang bevorzugt werden kann.
Symptome
Die OPLL schreitet über Jahre langsam fort und viele Patienten bleiben lange symptomlos. Bei Symptomen ist das häufigste Bild eine zervikale Myelopathie: Verlust der feinen Handgeschicklichkeit (Schwierigkeiten beim Knöpfen, Schreiben), Taubheit sowie Nackenschmerzen und -steifigkeit sind frühe Zeichen; im Verlauf treten Gangstörung, Gleichgewichtsstörung, Schwäche, Spastik, Hoffmann- und Babinski-Zeichen und im fortgeschrittenen Stadium Blasen-Darm-Symptome auf. Manche Patienten haben eine Radikulopathie durch Nervenwurzelkompression (in den Arm ausstrahlender Schmerz, dermatomale Taubheit, Schwäche). Bei Patienten mit engem Kanal kann eine geringfügige Verletzung zu einer plötzlichen neurologischen Verschlechterung führen.
Diagnose
Die Diagnose erfolgt durch Bildgebung. Eine seitliche Halswirbelsäulen-Röntgenaufnahme kann die Ossifikation zeigen. Die CT stellt deren Struktur, Typ und den Grad der Kanaleinengung am genauesten dar und ist für die Operationsplanung entscheidend; sie zeigt auch Merkmale, die die operative Schwierigkeit erhöhen, wie eine durale Ossifikation. Die MRT zeigt die Rückenmarkkompression und intramedulläre Signalveränderungen (Myelomalazie/Gliose), die prognostische Bedeutung haben. Der klinische Schweregrad wird mit dem JOA-Myelopathie-Score (Japanese Orthopaedic Association) eingestuft.
Behandlungsoptionen
Asymptomatische oder leichte Fälle werden mit regelmäßiger klinischer und radiologischer Nachsorge betreut; Vermeidung von Nackentraumata, Symptommanagement (Analgetika, Physiotherapie) und Kontrolle der Risikofaktoren (Diabetes, Adipositas) werden empfohlen. Eine chirurgische Dekompression ist bei fortschreitender oder mittelschwerer bis schwerer Myelopathie indiziert. Hintere Zugänge (Laminoplastie oder Laminektomie mit oder ohne Fusion) werden bei mehrsegmentaler Beteiligung und K-Linie-positiven Fällen oft bevorzugt. Eine vordere Dekompression und Fusion (bei Bedarf mit Korpektomie) wird bei K-Linie-negativen, auf wenige Höhen begrenzten Fällen mit ausgeprägter vorderer Kompression angewendet; das Risiko eines Liquoraustritts ist wegen der duralen Ossifikation höher.
Prognose
Das Hauptziel der chirurgischen Dekompression ist es, das Fortschreiten der Myelopathie aufzuhalten und, wo möglich, die neurologische Funktion zu verbessern. Das Ergebnis hängt von Dauer und Schwere der präoperativen Myelopathie und dem Ausmaß der dauerhaften Rückenmarkschädigung ab; eine frühere Intervention ist mit besseren Ergebnissen verbunden. Da die Erkrankung fortschreitend ist, bleibt die Nachsorge auch nach der Operation wichtig. Die Ergebnisse variieren individuell.
Quellen
- Greenberg MS. Greenberg's Handbook of Neurosurgery. 10th ed. Thieme; 2023:1370.
- Winn HR, ed. Youmans Neurological Surgery. 6th ed. Saunders; 2011.
- Fehlings MG, et al. A Clinical Practice Guideline for the Management of Degenerative Cervical Myelopathy. Global Spine J. 2017.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Diagnose und Behandlung sind individuell.