Peroneusnervenschädigung und Fußheberschwäche
Die Schädigung des Nervus peroneus (fibularis) ist eine häufige periphere Nervenkompression oder -verletzung der unteren Extremität. Ihr auffälligstes Zeichen ist die Fußheberschwäche (foot drop), bei der die Dorsalflexion des Fußes (Anheben nach oben) nicht durchgeführt werden kann. Die Behandlung richtet sich nach Ursache und Schweregrad der Verletzung; eingesetzt werden die Beseitigung der Kompression, eine Knöchel-Fuß-Orthese (AFO), Physiotherapie und in ausgewählten Fällen eine Operation (Dekompression, Nerven- oder Sehnentransfer).
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-07
Definition und Anatomie
Der Nervus peroneus (Nervus fibularis) ist einer der beiden Hauptäste des Ischiasnervs. Er verläuft von hinter dem Knie nach lateral und abwärts und windet sich knapp unterhalb des Wadenbeinköpfchens herum; an dieser Stelle verläuft er oberflächlich unter der Haut und über dem Knochen und ist dadurch stark Verletzungen und Druck ausgesetzt. Hier teilt er sich in einen tiefen und einen oberflächlichen Ast. Der tiefe Nervus peroneus ermöglicht die Dorsalflexion von Fuß und Zehen (Musculus tibialis anterior, Streckmuskeln), während der oberflächliche Nervus peroneus die Eversion des Fußes (Musculus peroneus longus/brevis) ermöglicht und die Sensibilität des Fußrückens vermittelt. Die Fußheberschwäche ist das Herabhängen des Fußes infolge des Verlusts der Dorsalflexion.
Ursachen und Risikofaktoren
Die häufigste Ursache ist eine Kompression auf Höhe des Wadenbeinköpfchens: langes Übereinanderschlagen der Beine, längere Bettlägerigkeit, ein Gipsverband oder äußerer Druck oder rascher Gewichtsverlust (Abnahme des schützenden Fettgewebes). Weitere Ursachen sind traumatische Verletzungen (Knie-/Beinbrüche, Schnittverletzungen), Komplikationen von Operationen (Kniechirurgie, Knietotalendoprothese), Druck durch eine Raumforderung (Ganglion- oder Baker-Zyste, Tumor), Diabetes mellitus und systemische Neuropathien. Der Schweregrad der Nervenschädigung wird als Neurapraxie (vorübergehender Leitungsblock), Axonotmesis (Unterbrechung des Axons bei erhaltener Hülle) und Neurotmesis (vollständige Durchtrennung) klassifiziert.
Symptome
Das Hauptzeichen ist die Fußheberschwäche: Unfähigkeit, den Fuß anzuheben, und Schleifen der Zehen beim Gehen. Zum Ausgleich geht der Patient mit übermäßigem Anheben von Hüfte und Knie (Steppergang). Schwäche der Zehenstreckung und der Fußeversion sowie eine Neigung zu Sprunggelenkverstauchungen können auftreten. Bei länger bestehender Schädigung entwickelt sich eine Atrophie der vorderen Unterschenkelmuskeln. Sensible Befunde sind weniger ausgeprägt als motorische; Taubheit und Kribbeln können am lateralen Fußrücken auftreten. Ein wichtiger Unterscheidungsbefund ist die erhaltene Plantarflexion (Abdruck über die Zehen), die zeigt, dass der Nervus tibialis intakt ist.
Diagnose
Die Diagnose wird durch klinische Untersuchung und elektrophysiologische Tests (EMG/Nervenleitungsstudien) gestellt. Bei der Untersuchung werden Dorsalflexionsschwäche, Steppergang und erhaltene Plantarflexion beurteilt; das Beklopfen über dem Wadenbeinköpfchen kann eine nach distal ausstrahlende Parästhesie auslösen (Tinel-Zeichen). EMG/NLG lokalisieren die Verletzung (Wadenbeinköpfchen), bestimmen ihren Typ (Neurapraxie/Axonotmesis) und Schweregrad und werden zur Verlaufskontrolle der Erholung genutzt. Eine Bildgebung (MRT, hochauflösender Ultraschall) kann zur Abklärung der Kompressionsquelle erfolgen, eine lumbale MRT zur Beurteilung einer L5-Radikulopathie. Die Differentialdiagnose umfasst die L5-Radikulopathie (meist mit Beinschmerz, paraspinale Denervation im EMG), die Schädigung des Ischiasnervs und hereditäre Neuropathien wie die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit.
Konservative Behandlung
Die konservative Behandlung ist die erste Wahl. Die Kompressionsquelle wird beseitigt (Lagewechsel, Lockerung des Gipses) und ein begleitender Diabetes kontrolliert. Die Physiotherapie ist entscheidend: passive Bewegungsübungen und Dehnung der Achillessehne verhindern Kontrakturen; aktives Krafttraining wird ergänzt, sobald die Erholung beginnt; funktionelle Elektrostimulation kann die Muskelatrophie verringern. Bei mäßiger bis schwerer Fußheberschwäche ermöglicht eine Knöchel-Fuß-Orthese (AFO) sicheres Gehen und verhindert Stürze und Kontrakturen. Die Erholungsdauer hängt vom Verletzungstyp ab; eine Neurapraxie erholt sich innerhalb von Wochen, eine Axonotmesis innerhalb von Monaten (Regeneration etwa 1 mm/Tag). Bleibt innerhalb eines festgelegten Zeitraums eine Erholung aus, wird eine Operation erwogen.
Operative Behandlung
Eine Operation wird bei chronischer, auf konservative Behandlung nicht ansprechender Kompression, fortschreitender Schädigung, vollständiger Nervendurchtrennung (Neurotmesis), Kompression durch eine Raumforderung oder anhaltender Fußheberschwäche erwogen. Zu den Optionen gehören die Dekompression des Nervus peroneus (Freilegung des Nervs am Wadenbeinköpfchen und Neurolyse), die Nervennaht oder das Nerventransplantat bei traumatischen Durchtrennungen, der Nerventransfer in proximalen/späten Fällen (zum Beispiel von einem Ast des Nervus tibialis auf den tiefen Nervus peroneus) und der Sehnentransfer bei bleibender Schädigung (am häufigsten Verlagerung der Sehne des Musculus tibialis posterior auf den Fußrücken). Der Sehnentransfer bringt eine funktionelle Besserung und kann in geeigneten Fällen den Bedarf an einer Orthese verringern. Der Zeitpunkt der Nervenoperation (vor Entwicklung einer Muskelatrophie) bestimmt das Ergebnis.
Prognose
Die Prognose hängt von Typ, Dauer und Ursache der Verletzung ab. Bei der Neurapraxie ist die Erholung meist vollständig; bei der Axonotmesis erfolgt je nach Distanz und Zeit eine teilweise oder vollständige Erholung; bei der Neurotmesis gibt es keine spontane Erholung und eine operative Wiederherstellung ist erforderlich. Frühe Diagnose, Beseitigung der Kompression und Physiotherapie verbessern die Prognose deutlich. Ein Teil der Patienten kann eine bleibende Schwäche behalten und eine dauerhafte Orthese oder einen Sehnentransfer benötigen. Der Behandlungsplan wird für jeden Patienten individuell festgelegt, und kein Ergebnis kann im Voraus garantiert werden.
Quellen
- Greenberg MS. Greenberg's Handbook of Neurosurgery. 10th ed. Thieme; 2023:563-564.
- Winn HR, ed. Youmans Neurological Surgery. 6th ed. Saunders; 2011:2505-2517.
- Poage C, Roth C, Scott B. Peroneal Nerve Palsy: Evaluation and Management. J Am Acad Orthop Surg. 2016;24(1):1-10.
- Stewart JD. Foot drop: where, why and what to do? Pract Neurol. 2008;8(3):158-169.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Diagnose und Behandlung sind individuell.