Zervikaler Bandscheibenvorfall
Der zervikale Bandscheibenvorfall ist eine Verlagerung des inneren Bandscheibenmaterials (Nucleus pulposus) durch den äußeren Faserring, die im Hals eine Nervenwurzel oder das Rückenmark komprimiert. Er tritt am häufigsten in Höhe C5-C6 und C6-C7 auf und verursacht Armschmerzen, Taubheit und Schwäche (Radikulopathie) sowie in schweren Fällen eine Rückenmarkskompression (Myelopathie).
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-06
Definition
Der zervikale Bandscheibenvorfall ist eine Protrusion des gallertartigen Bandscheibenkerns durch den faserigen äußeren Ring (Anulus fibrosus) in den Spinalkanal oder das Neuroforamen. Das verlagerte Material kann eine Nervenwurzel (Radikulopathie), das Rückenmark (Myelopathie) oder beides komprimieren. Vorfälle werden als Vorwölbung (Bulging), Protrusion, Extrusion oder Sequestration beschrieben und nach Lage als zentral, parazentral (am häufigsten) und foraminal.
Ursachen und Risikofaktoren
Die häufigste Ursache ist eine altersbedingte Bandscheibendegeneration, bei der die entwässerte Bandscheibe Anulusrisse entwickelt und an Höhe verliert. Ein akutes Trauma (Verkehrsunfälle, Schleudertrauma, plötzliche Halsbewegung) kann bei jüngeren Patienten einen Vorfall verursachen. Zu den Risikofaktoren zählen höheres Alter, männliches Geschlecht, genetische Veranlagung, Rauchen, langanhaltend nach vorn gebeugte Haltung (langes Arbeiten am Computer), Vibrationsbelastung und wiederholte Halstraumata. Die meisten Vorfälle treten in Höhe C5-C6 und C6-C7 auf.
Symptome
Nackenschmerzen sind die häufigste Beschwerde. Eine Nervenwurzelkompression (Radikulopathie) erzeugt scharfe, brennende Schmerzen, die in einem dermatomalen Muster in den Arm ausstrahlen, mit Taubheit und Schwäche; Husten oder Niesen (Valsalva) verstärkt sie. Die betroffene Höhe bestimmt das Bild: die Wurzel C6 betrifft Daumen und Zeigefinger, die Wurzel C7 den Mittelfinger. Eine Rückenmarkskompression (Myelopathie) verursacht Ungeschicklichkeit der Hände, Gangunsicherheit, Spastik, Hyperreflexie und in fortgeschrittenen Fällen Blasensymptome; ein blitzartiges Gefühl entlang des Rückens bei Halsbeugung (Lhermitte-Zeichen) ist typisch.
Diagnose
Die Diagnose beginnt mit einer ausführlichen Anamnese und einer neurologischen Untersuchung. Der Spurling-Test (Halsextension, -rotation und axiale Belastung) provoziert den radikulären Schmerz; das Hoffmann- und das Babinski-Zeichen weisen auf eine Myelopathie hin. Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist der Goldstandard und zeigt den Vorfall sowie die Kompression von Rückenmark und Nervenwurzeln am besten; ein erhöhtes T2-Signal des Rückenmarks weist auf eine chronische Kompression und eine ungünstigere Prognose hin. Die Computertomographie (CT) ist ergänzend für die knöcherne Darstellung und Osteophyten. Die Elektromyographie (EMG) bestätigt die Radikulopathie und grenzt sie von peripheren Nervenerkrankungen ab.
Behandlungsoptionen
Bei einer Radikulopathie ohne neurologisches Defizit ist die konservative Behandlung die erste Wahl und bringt bei den meisten Patienten innerhalb von 6-12 Wochen eine deutliche Besserung: Aktivitäts- und ergonomische Anpassung, Analgetika/NSAR und Medikamente gegen neuropathische Schmerzen, Physiotherapie und Übungen sowie in ausgewählten Fällen eine zervikale epidurale Steroidinjektion. Eine Operation wird bei fortschreitender Schwäche, bei auf konservative Behandlung nicht ansprechender Radikulopathie und bei Myelopathie erwogen. Die anteriore zervikale Diskektomie und Fusion (ACDF) ist das am häufigsten durchgeführte Verfahren; bewegungserhaltende zervikale Bandscheibenprothesen (bei geeigneten Patienten), die posteriore Foraminotomie (bei lateralen Vorfällen) und die Laminoplastie/Laminektomie (bei mehrsegmentaler Kompression mit Myelopathie) sind Alternativen.
Postoperativer Verlauf
Nach einer ACDF beträgt der Krankenhausaufenthalt meist 1-2 Tage, und der Patient wird am selben oder am nächsten Tag mobilisiert. Je nach Vorliebe des Operateurs kann 4-6 Wochen eine Halskrause getragen werden; schweres Heben und extreme Halsbewegungen werden in den ersten Wochen eingeschränkt. Die Rückkehr zur Büroarbeit erfolgt typischerweise nach 6-8 Wochen, zur körperlichen Arbeit später. Die radiologische Fusion dauert 3-6 Monate. Die Erholung nach Bandscheibenprothese und Foraminotomie ist in der Regel schneller.
Prognose
Die meisten Patienten mit Radikulopathie bessern sich unter konservativer Behandlung, und viele akute Vorfälle resorbieren sich mit der Zeit. Angemessen ausgewählte operative Patienten können eine deutliche Linderung der Armschmerzen erwarten. Bei der Myelopathie hängt das Ergebnis von der Dauer der Kompression und dem Ausmaß der Rückenmarksschädigung ab; eine frühe Behandlung ist wichtig, um ein Fortschreiten zu verhindern. Die Ergebnisse variieren individuell.
Quellen
- Greenberg MS. Greenberg's Handbook of Neurosurgery. 10th ed. Thieme; 2023:1280-1294.
- Winn HR, ed. Youmans Neurological Surgery. 6th ed. Saunders; 2011.
- North American Spine Society (NASS) — Clinical Guidelines: Diagnosis and Treatment of Cervical Radiculopathy from Degenerative Disorders.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Diagnose und Behandlung sind individuell.