Spinaler Epiduralabszess
Der spinale Epiduralabszess ist eine schwerwiegende Infektion, die eine dringende Abklärung erfordert und durch eine eitrige Ansammlung im Epiduralraum des Spinalkanals gekennzeichnet ist. Er entsteht in der Regel durch hämatogene Streuung, Ausbreitung aus benachbarten Strukturen oder nach spinalen Eingriffen. Die klassische Trias besteht aus Rückenschmerzen, Fieber und neurologischem Defizit, wobei die vollständige Trias nur bei einer Minderheit der Patienten zu finden ist. Ohne frühzeitige Diagnose und Behandlung kann er zu bleibenden neurologischen Schäden führen.
Zuletzt aktualisiert: 2026-06-07
Definition und Pathogenese
Der spinale Epiduralabszess ist eine umschriebene eitrige Ansammlung, die durch bakterielle, selten durch Pilzerreger im Epiduralraum zwischen der knöchernen Wand des Spinalkanals und der Dura mater gebildet wird. Es gibt drei Hauptmechanismen: hämatogene Streuung (aus einem entfernten Infektionsherd), direkte Ausbreitung aus benachbarten Strukturen (Wirbelosteomyelitis, Diszitis, paravertebraler Abszess) und prozedurale/traumatische Ursachen (Epiduralanästhesie, Lumbalpunktion, Wirbelsäulenoperation). Bei einem Teil der Fälle lässt sich keine eindeutige Quelle identifizieren.
Risikofaktoren und Erreger
Die wichtigsten Risikofaktoren sind Diabetes mellitus, Immunsuppression (HIV, Malignität, Kortikosteroidgebrauch), intravenöser Drogenkonsum, chronisches Nierenversagen, fortgeschrittenes Alter sowie eine vorausgegangene Wirbelsäulenoperation/-verletzung. Der häufigste Erreger ist Staphylococcus aureus, und der Anteil methicillinresistenter Stämme (MRSA) nimmt zu. Streptokokken, gramnegative Bakterien und Anaerobier sind weitere Erreger; in endemischen Regionen können auch Tuberkulose (sekundär bei Pott-Krankheit) und Brucella auftreten. Der Abszess liegt am häufigsten im thorakalen Bereich.
Klinische Stadien und Symptome
Die Erkrankung verläuft klassisch in vier Stadien: zunächst umschriebene und starke Rückenschmerzen (Stadium 1), dann radikuläre Schmerzen durch Reizung der Nervenwurzel (Stadium 2), anschließend motorische Schwäche und Sensibilitätsverlust (Stadium 3) und schließlich Lähmung (Stadium 4). Die Progressionsgeschwindigkeit ist sehr variabel; bei manchen Patienten tritt sie innerhalb von Stunden, bei anderen über Wochen auf. Systemische Befunde wie Fieber, Schüttelfrost und allgemeines Krankheitsgefühl können hinzukommen. Eine Sphinkterstörung (Harnverhalt, Inkontinenz) ist ein Zeichen eines fortgeschrittenen Stadiums.
Diagnose
Normale Leukozyten- und CRP-Werte schließen die Diagnose nicht aus, aber erhöhte CRP- und Blutsenkungswerte sind unterstützend; Blutkulturen sollten vor Behandlungsbeginn gewonnen werden. Die kontrastverstärkte Magnetresonanztomographie (MRT) ist der Goldstandard und zeigt die epidurale Ansammlung, eine periphere Wandanreicherung (Ring), eine Rückenmarkskompression sowie eine etwaige begleitende Osteomyelitis/Diszitis. Da ein mehrsegmentaler Befall häufig ist, sollte der gesamte Spinalkanal abgebildet werden. Die kontrastverstärkte CT wird eingesetzt, wenn keine MRT durchgeführt werden kann. Für den definitiven Erregernachweis ist die Kultur des bei der Operation gewonnenen Abszessmaterials wertvoll.
Behandlung
Die Behandlung erfordert ein multidisziplinäres und dringliches Vorgehen. Bei vorliegendem neurologischem Defizit oder in fortschreitenden Fällen ist die chirurgische Dekompression und Drainage (in der Regel Laminektomie mit Ausräumung des Abszesses und ausgiebiger Spülung) die Goldstandardbehandlung; eine frühe Operation verbessert die Prognose, sobald sich ein motorisches Defizit entwickelt. Über einen langen Zeitraum (in der Regel 4–8 Wochen) werden parenterale Antibiotika gegeben; die empirische Therapie umfasst Vancomycin mit einem Cephalosporin und bei Bedarf eine Anaerobierabdeckung und wird nach Vorliegen der Kulturergebnisse gezielt angepasst. Bei Vorliegen einer Osteomyelitis ist die Behandlungsdauer länger. Die Herdsanierung und die Behandlung von Begleiterkrankungen (wie Diabetes) sind wichtig.
Konservative Behandlung und Prognose
Eine konservative (nicht operative) Behandlung kann nur in ausgewählten Fällen versucht werden (Patienten ohne neurologisches Defizit, mit kleinem Abszess und hohem Operationsrisiko); eine engmaschige klinische und radiologische Verlaufskontrolle ist unerlässlich, und bei ausbleibendem Ansprechen wird operiert. Die Prognose ist eng mit dem Zeitpunkt von Diagnose und Behandlung verknüpft. Bei früh (vor Entwicklung eines neurologischen Defizits) behandelten Patienten sind die Erholungsraten hoch; das Risiko eines bleibenden Defizits steigt bei denjenigen deutlich an, die eine länger bestehende vollständige Lähmung entwickeln. Aus diesem Grund erfordern fortschreitende Rückenschmerzen, Fieber und neurologische Symptome eine dringende Abklärung. Die Ergebnisse sind individuell und kein Ergebnis kann garantiert werden.
Quellen
- Greenberg MS. Greenberg's Handbook of Neurosurgery. 10th ed. Thieme; 2023:380-386.
- Darouiche RO. Spinal epidural abscess. N Engl J Med. 2006;355(19):2012-2020.
- Berbari EF, Kanj SS, Kowalski TJ, et al. Infectious Diseases Society of America clinical practice guidelines for the diagnosis and treatment of native vertebral osteomyelitis. Clin Infect Dis. 2015;61(6):e26-e46.
- Reihsaus E, Waldbaur H, Seeling W. Spinal epidural abscess: a meta-analysis of 915 patients. Neurosurg Rev. 2000;23(4):175-204.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Diagnose und Behandlung sind individuell.